TEIL DREI

Familiengeheimnisse

 

So höb’ ich eine Kunde an, von der Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte.

Shakespeare, Hamlet 1. Akt 5. Aufzug

KAPITEL 25

»SOWOHL DER Sachverständige der Gaswerke als auch die Experten der Feuerwehr sind der Ansicht, dass die Explosion durch einen langsamen Anstieg der Gaskonzentration zu Stande kam, verursacht durch ein Leck«, erklärte Alan Markby.

»Wir alle wissen, wie viele gasbetriebene Geräte es in diesem Haus gab – ein Gasofen in jedem Zimmer, ein Gasboiler für heißes Wasser im Bad, ein weiterer kleiner Gasboiler in der Küche, ein alter Gasherd … Keines der Geräte ist in den letzten Jahren irgendwann einmal überholt worden. Der Übeltäter ist wahrscheinlich der alte Küchenherd, obwohl auch der Boiler im Badezimmer infrage kommt. Die Explosion kann durch so gut wie jedes der Geräte ausgelöst worden sein.«

»Aber was ist mit den Schwestern?«, fragte Pam Painter besorgt. Sie saßen im Patio der Painters und warteten mit einiger Beklommenheit auf die Resultate von Geoffreys kulinarischen Bemühungen an seinem nagelneuen Gartengrill. Die Versammlung umfasste die Painters selbst, Juliet, Markby und Meredith sowie Doug Minchin, der am folgenden Tag nach London zurückkehren würde. Hayes war bereits abgereist. Dr. Fuller und seine Frau waren ebenfalls eingeladen worden, doch sie hatten bedauernd abgesagt aufgrund einer älteren Verpflichtung. Der Pathologe besuchte eine Aufführung von Schuberts Forellenquintett, bei der, wie es schien, jedes Instrument von einem anderen Mitglied des Fuller-Clans bemannt war, einschließlich Mrs. Fuller am Piano und einem talentierten Neffen am Kontrabass.

»Damaris hatte unglaubliches Glück«, berichtete Markby.

»Sie war draußen im Garten, als sich die Explosion ereignete. Sie hat einen Schock erlitten; die Druckwelle hat sie von den Beinen gerissen, und sie hat sich eine Reihe von Prellungen zugezogen, doch ansonsten ist sie unverletzt. Keine gebrochenen Gliedmaßen. Sie wohnt im Augenblick bei James Holland und ist in der Obhut seiner Haushälterin, Mrs. Harmer.« Meredith erschauerte.

»Die arme Damaris. James hat Mrs. Harmer einmal zu mir geschickt, als ich eine Grippe hatte. Ich will damit nicht sagen, dass sie nicht in ihrem Element ist, wenn sie Kranke pflegt, doch ihre Vorstellung von Schonkost treibt jeden Gaumen zur Rebellion.«

»James sagt, sie wäre im siebten Himmel, jetzt, wo Damaris ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist«, berichtete Juliet.

»Der arme James fühlt sich richtig vernachlässigt. Mrs. Harmer hat überhaupt keine Zeit mehr für ihn.« Einen Augenblick lang sah Pamela Painter aus, als ließe sie sich durch die interessanten Möglichkeiten, die sich aus diesem Szenario ergaben, vom Thema ablenken. Bedauernd verschob sie ihre ehestifterischen Bemühungen für Juliet und James Holland.

»Was ist mit Florence?«, erkundigte sie sich.

»Ich habe gehört, sie wäre schwer verletzt worden?«

»Sie war unter den Trümmern begraben«, sagte Doug Minchin und beteiligte sich unerwartet an der Unterhaltung.

»Man hat sie zwar lebend geborgen, doch es sieht nicht gut aus.« Leise Verwünschungen vom Grill erregten ihre Aufmerksamkeit. Vom Grill stieg eine ziemliche Menge Rauch auf. Der Küchenchef in einer prächtigen roten Schürze und mit einer ganzen Reihe von Gerätschaften bewaffnet, die an mittelalterliche Waffen erinnerten, fintete und stach auf einen Feind in Form von Schweinekoteletts und Würstchen ein.

»Wir hatten noch nie einen Grill«, flüsterte Pam,»doch als wir hier eingezogen sind, hat Geoffrey sich in den Kopf gesetzt, dass ein Grill genau das Richtige wäre für den Patio.«

»Dauert nicht mehr lang!«, rief der Küchenchef optimistisch, als eine weitere dicke Wolke schwarzen Rauchs himmelwärts stieg.

»Es ist nicht so, als würde er normalerweise kochen«, fuhr Pamela fort.

»Er betritt die Küche niemals. Das hat er noch nie gemacht. Und jetzt, wo er dieses neue Spielzeug hat …«

»Sie haben Sie bereits besucht, Doug, nicht wahr?«, fragte Alan und kehrte zum Thema zurück.

»Meredith hofft, dass sie morgen Zeit findet, ins Krankenhaus zu fahren.«

»Mit Juliet zusammen«, sagte Meredith.

»Falls Florence genügend bei Kräften ist, um Besucher zu empfangen – und es klingt, als wäre dies der Fall.« Sie blickte mit fragend erhobenen Augenbrauen zu Minchin.

»Sie ist doch wohl nicht verhörfähig?« Juliet sprang entsetzt angesichts dieser Vorstellung von ihrem Stuhl auf.

»Geoffrey!«, rief sie ärgerlich.

»Um Himmels willen, wir werden alle geräuchert!«

»Es war kein Verhör«, sagte der durch nichts zu erschütternde Minchin und wedelte ein Rauchwölkchen beiseite, das vor seiner Nase vorbeizog. Er hatte seinen Anzug gegen Baumwollhosen und ein navyblaues Sweatshirt getauscht, das sich über seinen breiten Schultern spannte. Er sah mehr wie ein Preisboxer aus als wie ein Polizist.

»Nicht als solches jedenfalls«, berichtigte er sich.

»Florence Oakley hat tatsächlich sogar darum gebeten, mich zu sehen, also bin ich hingefahren und habe sie besucht. Ihr Kopf ist nicht in Mitleidenschaft gezogen worden«, sagte er in Juliets Richtung.

»Sie kann zusammenhängend denken und ist völlig klar – zumindest, was ihren Verstand angeht. Aber vergessen Sie nicht, sie hat mehrere gebrochene Rippen und einen gebrochenen Knöchel. Gebrochene Knochen sind eine Sache – ein gebrochener Geist jedoch eine ganz andere, und genau das ist das Problem. Wenn Sie mich fragen, sie …«, Minchin stockte, suchte nach den richtigen Worten.

»Sie hat abgeschlossen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Das lasse ich nicht zu!«, rief Pam.

»Sie hat offensichtlich einen Schock erlitten und ist deprimiert! Sie braucht jemanden, der sie aufmuntert! Wenn Sie und Juliet morgen zu ihr fahren, Meredith, dann müssen Sie …«

»Sie hat nicht mehr die Kraft«, unterbrach Minchin sie.

»Weder physisch noch psychisch.«

»Sie haben gesagt, sie wäre klar im Kopf!«, widersprach Juliet.

»Das ist sie. Aber sie erträgt die Zukunft nicht mehr, ganz gleich, was sie bringt. Zu mühsam. Also hat sie sich entschieden, mit dem Leben abzuschließen, und fertig.«

»Aber … aber um Damaris’ willen?« Juliet wollte sich nicht geschlagen geben. Mit überraschend sanfter Stimme antwortete Minchin leise:

»Nein.« Juliet errötete und sank in ihren Stuhl zurück. Sie verstummte bekümmert. Verlegenes Schweigen breitete sich aus. Geoffrey wandte sich von seinem feurigen Hochofen ab, die Grillgabel in der Hand. Er sah aus wie ein kleiner gequälter Teufel. Er räusperte sich und fragte zaghaft:

»Ich vermute, Sie werden uns nicht erzählen, was Florence Ihnen zu sagen hatte?« Minchin zögerte, doch Alan munterte ihn auf.

»Sagen Sie es ihnen, Doug. Sie werden keine Ruhe geben, bevor sie es nicht wissen.« Minchin zuckte die Schultern und wandte seine Aufmerksamkeit Meredith zu.

»Ihre Vermutungen haben sich mit den unsrigen gedeckt.«

»Sie meinen, ich hatte Recht?«, fragte Meredith höflich. Das brachte ihr einen bösen Blick ein.

»Ich meine, sie haben sich mit den unsrigen gedeckt«, wiederholte Minchin langsam.

»Ich schätze, Sie haben inzwischen gehört, dass Kenny Joss beobachtet hat, wie Jan Oakley etwas hinter dem Küchenschrank versteckte? Und dass er es Florence erzählt hat?« Alle nickten. Der vernachlässigte Grill spuckte und schlug Funken, doch diesmal achtete niemand darauf.

»Nun ja, sie ist jedenfalls in die Küche gegangen und hat hinter den Schrank gesehen«, fuhr Minchin fort.

»Sie fand ein Glas mit Hefeaufstrich, geöffnet und halb aufgebraucht. Sie erkannte es, sagt sie, als das, welches sie in Gebrauch gehabt hatten, weil der Blechdeckel eine Beule hatte. Und als sie oben in den Schrank sah, entdeckte sie zu ihrem Staunen ein weiteres Glas, diesmal ohne Delle im Deckel. Der Inhalt war zur Hälfte ausgeschüttet worden, damit es aussah wie das richtige Glas. Florence wusste nicht, was Jan im Schilde führte, doch ihr war klar, dass es nichts Gutes sein konnte. Sie wollte ihre Schwester nicht beunruhigen, also sagte sie nichts und vertauschte die Gläser wieder in der Absicht, das verdächtige Glas zu einem späteren Zeitpunkt wegzuwerfen. Doch sie erhielt keine Gelegenheit mehr dazu. Damaris kam in die Küche, als Florence im Begriff stand, das Glas mit dem verbeulten Deckel zu ersetzen – das manipulierte Glas, wie wir inzwischen wissen. Florence redete sich damit heraus, dass sie im Begriff stand, den Tee zuzubereiten. Kurze Zeit darauf tauchte Jan auf, doch er blieb nicht lange. Er ging ins Wohnzimmer, um dort fernzusehen, bis es für ihn an der Zeit war, zum Abendessen ins The Feathers zu gehen. Weil sie ihm aus dem Weg gehen wollten, blieben die OakleySchwestern die ganze Zeit über in der Küche, und Florence erhielt keine Chance, das manipulierte Glas hinter dem Schrank hervorzuholen. Sie gingen erst ins Wohnzimmer, als Jan gegangen war, und da wurde es bereits spät. Nach ihren Maßstäben zumindest.« Minchin gestattete sich ein knappes Grinsen.

»Also beschloss Florence, mit dem Entsorgen des verdächtigen Glases bis zum nächsten Tag zu warten. Unglücklicherweise hatte Jan von alledem nichts mitbekommen, und nachdem er aus dem The Feathers zurückgekehrt war und die Schwestern nach oben schlafen gegangen waren, tauschte er die Gläser erneut aus. Jetzt war also das vergiftete Glas im Schrank und das nicht vergiftete dahinter, genau wie zu Anfang. Ein doppelter Tausch. Soweit es Jan betraf, wähnte er sich in dem Glauben, die Schwestern hätten den vergifteten Aufstrich gegessen. Er rechnete damit, dass sie im Lauf der Nacht krank wurden. Dann wurde er ein wenig zu schlau und brachte es fertig, sich selbst zu überlisten!«, berichtete Minchin nicht ohne Befriedigung.

»Er beschloss, sich einen Imbiss zuzubereiten mit dem seiner Meinung nach unvergifteten Hefeaufstrich und fiel in seinen eigenen Senftopf, wie es so schön heißt. Hätte er die Dosis richtig erwischt, wäre er wahrscheinlich nicht gestorben. Aber er hat viel zu viel Arsen in den Aufstrich gepackt. Jan war ein Ganove mit einer Menge Ideen, aber mit der Umsetzung hatte er Pech. Ich habe eine Menge Halunken seines Schlages kennen gelernt.«

»Mir tut er nicht ein Stück Leid!«, erklärte Pam Painter resolut.

»Meredith schon!«, klagte Juliet an.

»Nein, tut er nicht!«, protestierte Meredith indigniert.

»Ich gebe ja zu, dass er mir ganz zu Anfang, als er aufgetaucht ist, ein klein wenig Leid getan hat, aber selbst da war es nicht besonders viel.«

»Mir hat er nicht eine Sekunde lang Leid getan«, triumphierte Juliet.

»Entschuldigung«, sagte Alan,»aber ich glaube nicht, dass Doug schon fertig ist.« Alle blickten Minchin an.

»Nicht ganz«, sagte er.

»Aber fast. Es dauert nur noch eine Minute, dann können die Frauen anfangen, sich an den Haaren zu ziehen.« Er ignorierte ihre Reaktionen und fuhr fort.

»Nun ja, das war es so ungefähr. Die arme alte Florence war bis in ihr tiefstes Inneres erschüttert, als Jan noch in der gleichen Nacht starb. Sie konnte sich denken, was passiert war, und sie erkannte sogleich, dass ihr Versäumnis, das vergiftete Glas zu beseitigen, die Ursache für Jans Tod war. Sie glaubte, man würde sie nun beschuldigen, Jan Oakley vergiftet zu haben. Sie schlich in den frühen Morgenstunden nach unten, während ihre Schwester noch schlief, vertauschte die Gläser erneut und brachte den vergifteten Aufstrich hinauf in ihr Zimmer, wo sie ihn hinten in ihrem Kleiderschrank versteckte. Sie konnte natürlich nicht wissen, was tatsächlich in diesem Glas war. Noch nicht.«

»Hat sie es weggeworfen?«, fragte Meredith.

»Können Sie es wiederfinden? Haben Sie eine Ahnung, wo es sein könnte?«

»O ja«, antwortete Minchin.

»Es befindet sich unter ein paar Tonnen Trümmern. Florence wusste nicht, wie sie das Glas gefahrlos beseitigen konnte. Sie war fast besinnungslos vor Panik und konnte nicht klar denken. Sie befürchtete, Damaris könnte es finden, wenn sie es in die Mülltonne warf. Und falls sie es im Garten vergrub, fand Ron Gladstone es vielleicht. Am Ende ließ sie es im Schrank stehen, und bei der Explosion ist es zusammen mit allem anderen hochgegangen.«

»Und das Arsen?«, fragte Geoffrey unvermittelt.

»Haben Sie das Arsen gefunden?« Minchin schüttelte den Kopf.

»Wir nehmen an, Jan hat es irgendwo im Haus versteckt, und es ist genau wie alles andere hochgegangen.« Markby sagte nichts. Er dachte an all die Toilettenartikel auf Jans Kommode. Vielleicht hatte er den Inhalt einer Flasche Badesalz ausgetauscht und die leere Arsenflasche in einem Altglascontainer in der Stadt verschwinden lassen? Das würde ich jedenfalls tun, dachte er. Hatte die Spurensicherung die Flaschen überprüft, als sie in Jans Raum gewesen war? Ich hätte daran denken sollen, sagte er sich ärgerlich. Ich hätte gleich an jenem Morgen, nachdem ich von Jans Tod erfahren hatte, jede verdammte Flasche und Dose aus seinem Zimmer mitnehmen lassen müssen! Hätte ich das gemacht, wäre dieser Fall vielleicht gelöst gewesen, bevor Minchin und Hayes in Bamford eingetroffen wären. Aber ich habe es nicht getan. Winsley hatte Recht, jemand anders mit dem Fall zu beauftragen. Ich hatte zu viel Mitgefühl mit den beiden Oakley-Schwestern. Ich wollte ihnen nicht auf die Füße treten, und deswegen war ich schludrig.

»Hoffen wir es«, sagte Geoffrey brummig.

»Ich für meinen Teil habe nichts dagegen, wenn das Zeug in die Luft geflogen und fein über die Landschaft verteilt worden ist. Ich will nicht, dass Fuller mir noch weitere menschliche Organe zur Analyse schickt. Ich bin für eine Weile bedient.« Seine Miene hellte sich auf.

»In Ordnung, das Fleisch ist fertig! Wer möchte ein Kotelett?« Er wartete.

»Hey, nicht alle auf einmal!« Schuldbewusst hielten sie Geoffrey ihre leeren Teller hin.

»Vielleicht verliert er ja bald das Interesse am Grillen«, murmelte Pam, während sie mit der Gabel ein geschwärztes Würstchen aufspießte.

Nach der kurzen Periode schönen Wetters war es am folgenden Tag bedeckt und kühl. Meredith stellte ihren Wagen auf dem Besucherparkplatz ab und ging zusammen mit Juliet schweigend zum Hauptgebäude des Krankenhauses. Beide fürchteten sich vor dem, was sie erwartete.

Als sie sich den Türen näherten, murmelte Juliet:

»Vielleicht hat sich Doug Minchin ja geirrt.« Doch es klang nicht, als hätte sie große Hoffnung.

»Miss Oakley ist in einem Einzelzimmer«, erklärte ihnen die Krankenschwester freundlich.

Beide Besucherinnen starrten sie verblüfft an und wechselten Blicke, während sie der Schwester durch den Korridor folgten.

»Wer bezahlt dafür?«, flüsterte Meredith.

Juliet schüttelte verwundert den Kopf.

»Ich habe keine Ahnung.«

»Da wären wir!«, verkündete die Krankenschwester.

»Sie bleiben aber nicht lange, ja? Miss Oakley wird sich bestimmt über den Besuch freuen, aber sie wird auch sehr schnell müde. Zehn Minuten, einverstanden?« Das Zimmer war klein und hübsch. Mehrere Leute hatten Florence Blumen geschickt, doch nach Merediths Geschmack machten sie den Raum nicht freundlicher, sondern verliehen ihm eher die Atmosphäre einer Friedhofskapelle. Florence lag halb aufgerichtet im Bett, dessen Kopfteil hochgestellt war. Der Fernseher am Fußende lief, doch sie schien nicht hinzusehen. Irgendeine morgendliche Show mit einer Reihe von Leuten, die sich auf einem grellbunten Sofa drängten. Trotz ihrer Verletzungen wirkte Florence wohlauf und munter; ihre Gesichtsfarbe war rosig, das Haar zu einem Zopf geflochten, der über ihre Schulter nach vorne fiel. Schockiert dachte Meredith: Genau so wird Juliet aussehen, wenn sie einmal alt ist. Genau so. Juliet war zum Krankenbett gegangen und beugte sich hinab, um Florence auf die Stirn zu küssen.

»Wir haben Ihnen ein paar Trauben mitgebracht, Florence, und ein wenig Obstsaft.«

»Wie freundlich von Ihnen!«, antwortete Florence, und als sie sprach, wusste Meredith, was Doug Minchin gemeint hatte. Florences Stimme klang höflich, doch entrückt. Auch ihr Lächeln wirkte irgendwie mechanisch, als funktionierten die Muskeln zwar alle noch, doch als wäre die Person dahinter nicht mehr da. Sie setzten sich neben das Bett, und Juliet sagte ernst:

»Sie müssen wieder zu Kräften kommen, Florence. Damaris braucht Sie.«

»Damaris kommt sehr gut allein zurecht.« Erneut diese höfliche Entrücktheit.

»Sie war schon immer so viel vernünftiger als ich. Ich habe immer Dummheiten gemacht. Ich hatte immer Ideen, aber ich habe es nie geschafft, sie bis zum Ende zu durchdenken.« Für einen kurzen Augenblick schwangen Emotionen in ihrer Stimme, doch es war eine Art von Verwirrung, als würde sie über jemand ganz anders sprechen, nicht über sich selbst. Sie drehte den Kopf auf dem Kissen und betrachtete die beiden Frauen, als wüssten sie eine Antwort.

»Wir alle machen von Zeit zu Zeit Dummheiten, Florence«, sagte Meredith. Sie schätzte, dass Florence an ihre Aktion mit den vertauschten Gläsern Hefeaufstrich dachte, die zu Jans Tod geführt hatte. Sie irrte sich nicht.

»Ich wollte Jan nicht töten«, sagte sie vorsichtig.

»Sie haben ihn nicht getötet, Florence – er allein war dafür verantwortlich. Er hat das Gift in das Glas getan, und er hat sich das … das Sandwich selbst gemacht.« Fast hätte Meredith

»das tödliche Sandwich« gesagt, doch das wäre taktlos gewesen. Doch Florence hätte nichts auf der Welt gleichgültiger sein können. Sie wirkte im Gegenteil ein wenig aufgebracht, als hätte Meredith ihre Worte angezweifelt.

»Ich habe die Gläser vertauscht«, sagte sie halsstarrig.

»Das ist der Grund, warum Jan gestorben ist.«

»Nein, Florence«, widersprach Juliet.

»Im Gegenteil! Das ist genau der Grund, warum Sie und Damaris noch leben. Verstehen Sie denn nicht? Sie haben Damaris und sich selbst das Leben gerettet! Es war gut, dass Sie die Gläser vertauscht haben.« Florences Blick war abwesend geworden.

»Sehen Sie, wie vergeblich das alles ist? Ich wollte ihn nicht töten, aber er starb trotzdem. Ist es nicht eigenartig, wie die Dinge immer den gleichen Verlauf nehmen, ob man es nun will oder nicht? Man versucht jemanden umzubringen, und er stirbt, und man versucht es nicht, und er stirbt trotzdem. Vielleicht ist es Schicksal. Oder Vorherbestimmung? Nein, ich glaube nicht. Ich glaube, es ist einfach das, was Damaris immer gesagt hat. Pech.«

»Sie ist verwirrt«, flüsterte Juliet.

»Zuerst sagt sie, sie wollte ihn nicht umbringen, dann sagt sie, sie wollte es doch. Ich hoffe, Doug Minchin hat gesehen, wie sehr sie durcheinander ist.«

»Nein«, widersprach Meredith leise.

»Ich glaube nicht, dass sie durcheinander ist.«

»Das verstehe ich jetzt wiederum nicht«, begann Juliet, doch sie wurde von Florence unterbrochen, die mit jetzt klarer Stimme weitersprach.

»Haben Sie den Vikar gesehen? Ich habe ihn um einen Besuch gebeten.«

»Wenn Sie Pater James Holland gebeten haben, Sie zu besuchen, dann ist er bestimmt schon auf dem Weg«, antwortete Juliet.

»Ich will ihm davon erzählen. Es ist sehr wichtig, dass ich es ihm erzähle.«

»Sie haben doch bereits alles Superintendent Minchin erzählt. Sie müssen sich keine Gedanken mehr machen, Florence«, beharrte Juliet.

»Nein, habe ich nicht!«, entgegnete Florence halsstarrig.

»Ich will es dem Vikar erzählen.«

»Er wird bald kommen, Florence … oh!« Meredith blickte erleichtert auf, als sie schwere Schritte vernahm.

»Er ist schon da.« James Hollands massiger Leib füllte den Eingang aus. Meredith erhob sich, und Juliet folgte ihrem Beispiel. James näherte sich dem Bett so leise, wie er konnte.

»Guten Morgen«, flüsterte er.

»Wie geht es ihr?«

»Sie hat irgendetwas auf der Seele, über das sie mit Ihnen reden möchte«, sagte Meredith, bevor Juliet sprechen konnte. Juliet blickte von der Frau im Bett zu Meredith und wieder zurück. Dann sagte sie leise zu Florence:

»James Holland ist hier. Meredith und ich gehen jetzt. Aber wir kommen morgen wieder.«

»Das wäre sehr nett«, erwiderte Florence mit erschreckend leerer Stimme.

»Was halten Sie davon?«, fragte Juliet drängend, als sie das Krankenhaus verließen.

»Ich weiß es nicht, aber es geht uns auch nichts an. Was auch immer es sein mag, es ist eine Sache zwischen ihr und Gott. Deswegen wollte sie James sehen«, sagte Meredith entschieden. Juliet blickte sie kläglich an, doch sie widersprach ihr nicht.

»Wann fahren Sie zurück nach London?«, fragte Meredith.

»Ich dachte, vielleicht hätten Sie Lust vorbeizukommen und mit uns zu Abend zu essen, oder besser noch, wenn ich meine Kochkünste bedenke, wir gehen alle zusammen irgendwo etwas essen?«

»Danke, aber das müssen wir auf ein andermal verschieben. Ich fahre noch heute Nachmittag nach London zurück, gleich jetzt. Ich bin nur noch hier, weil ich nachsehen wollte, wie es Florence geht, und das habe ich jetzt getan.« Juliet zögerte.

»Ich muss fahren, weil ich heute Abend in London eine Verabredung habe.«

»Oh?« Meredith fragte sich, ob sie als Nächstes den Namen von Juliets Verehrer erfahren würde. Mit hochrotem Gesicht fuhr Juliet fort:

»Ich gehe mit Doug zum Essen.«

»Doug? Sie meinen doch wohl nicht Minchin, Superintendent Doug Minchin?« Meredith blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihre Begleiterin an.

»Sie müssen nicht so überrascht sein«, sagte Juliet eingeschnappt.

»Dorothy Parker hatte nicht Recht mit ihrer Bemerkung über Frauen, die Brillen tragen, das hab ich Ihnen gleich gesagt! Obwohl …« Sie zögerte.

»Doug mag meine Brille nicht. Aber er wird sich daran gewöhnen müssen, nicht wahr?« Juliet überlegte.

»Ich meine, ich mag seine Hemden ebenfalls nicht!«

James Holland hatte neben dem Krankenbett Platz genommen.

»Haben Sie Schmerzen, Florence?«

»Nein.« Florence bewegte verneinend den Kopf auf dem Kissen.

»Man hat mir Medikamente gegen die Schmerzen gegeben.«

»Gut. Ich wollte sowieso vorbeikommen und Sie besuchen, aber dann hörte ich, dass Sie nach mir gefragt haben. Ich bin sofort gekommen, deswegen konnte ich keine Blumen und kein Obst mehr besorgen, aber Sie scheinen in dieser Hinsicht gut versorgt zu sein.«

»Ja.« Florence bewegte eine gebrechliche Hand, die aus nichts als Haut und Knochen bestand, überzogen mit dunklen Hämatomen.

»Ich muss Ihnen von ihm erzählen.«

»Von Jan?«

»Jan?« Für einen Augenblick schien Florence vergessen zu haben, wer Jan Oakley war. Dann kam es ihr wieder zu Bewusstsein.

»Nein, nein, nicht Jan. Ich meine meinen Vater.«

»Ah …«, sagte Pater Holland.

»Ich habe von ihm gehört. Alan hat mir von ihm erzählt. Er hat seine Schlaftabletten aufgespart und äh, dann hat er alle auf einmal genommen.«

»Nein, hat er nicht«, sagte Florence übellaunig.

»Genau hier irren Sie. Er hat sie nicht aufgespart. Das war ich.« Der Vikar spürte, wie eine kalte Hand sein Herz umfasste.

»Ich glaube, Sie sind ein wenig verwirrt, meine Liebe. Ich nehme an, dass es von den Schmerzmitteln herrührt.«

»Es hat keinen Sinn, dass Sie hergekommen sind«, sagte sie, und zum ersten Mal wurde sie ein wenig lebhafter,»wenn Sie mir nicht zuhören wollen.«

»Ich höre zu, Florence«, sagte Holland zerknirscht.

»Bitte entschuldigen Sie.«

»Er war ein sehr guter Vater, als wir klein waren.« Florence wandte ihm den Kopf zu und sah ihm streng in die Augen.

»Das müssen Sie mir glauben. Aber er veränderte sich, als Arthur starb. Dann starb auch Mutter, und er wurde noch schlimmer. Schließlich zwang ihn die Arthritis in den Rollstuhl, und er wurde unerträglich. Er war ganz zerfressen von Hass. Er hasste sogar uns, Damaris und mich, weil wir lebten und Arthur gestorben war. O ja …«, sie hob erneut die magere Hand, um jeder Unterbrechung seitens des Vikars zuvorzukommen.

»In seinen Augen waren zwei Töchter nicht so viel wert wie ein Sohn.«

»Sie haben ihn gepflegt! Wo wäre er ohne Sie gewesen?«, rief James erschrocken.

»Oh, das. Das war eben damals so, das taten Töchter in jenen Zeiten. Jedenfalls unverheiratete Töchter wie Damaris und ich.« Florence machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ich dachte, Damaris und ich würden niemals von ihm wegkommen, nicht solange wir jung genug waren, um etwas aus unserem Leben zu machen. Er war kein glücklicher Mann. Wir waren alle drei unglücklich in diesem Haus, alle drei. Also sparte ich sein Schlafmittel auf und gab ihm stattdessen Aspirin. Er wurde noch mürrischer und sagte, er könne nicht verstehen, warum er in letzter Zeit so schlecht schlief. Er wollte den Arzt um ein stärkeres Schlafmittel bitten. An jenem Abend war er so übellaunig, dass ich ihm vorschlug, einen guten Schluck Whiskey zu trinken, damit er schlafen könne. Er war kein großer Trinker, doch er stimmte zu. Ich schenkte ihm einen großen Tumbler ein!« Florence klang zufrieden.

»Und das Schlafmittel?« Pater Holland getraute sich kaum zu fragen.

»Ah, die Tabletten. Ich hatte bereits dafür gesorgt, dass er sie einnahm. Ich hatte sie in sein Abendessen gemischt, einen Hackfleischauflauf. Er liebte Hackfleischauflauf. Ich mochte ihn nie, und Damaris aß auch nichts davon, weil sie immer Magenprobleme bekam, wenn sie irgendetwas mit Hackfleisch zu sich nahm.«

»Oh«, sagte der Vikar schwach.

»Er schlief einfach ein«, fuhr Florence fort.

»Und das war es gewesen. Oder jedenfalls dachte ich, das wäre es gewesen, weil ich nicht gut darin bin, Sachen bis zum Ende zu durchdenken. Das habe ich auch schon Meredith und Juliet gesagt. Unser Arzt bestand darauf, eine Obduktion vorzunehmen, weil Vater eigentlich nicht krank genug gewesen war, um zu sterben. Als hätte das in seinem Alter eine Rolle gespielt. Trotzdem lief letzten Endes alles glatt, weil er dem Arzt gegenüber so viel davon geredet hatte, wie unfair das Leben doch sei, und der Coroner kam zu dem Schluss, dass es sich um Selbstmord gehandelt hatte.« Florence schürzte die Lippen.

»Er hatte Recht damit, dass das Leben unfair ist. Ich hatte nicht genügend nachgedacht, wie immer. Hätte ich nachgedacht, hätte ich erkannt, dass es für Damaris und mich bereits zu spät war. Wir würden Fourways House niemals verlassen. Wir steckten auf Fourways fest, für den Rest unseres Lebens. Vater zu töten war reine Zeitverschwendung gewesen, wirklich. Es machte auf lange Sicht nicht den geringsten Unterschied.« Pater Holland riss sich mühsam zusammen, bevor er antwortete.

»Florence, als Sie das getan haben, standen Sie unter großem Stress. Offensichtlich war Ihr Vater unerträglich schwierig geworden. Es ist eine Schande, dass Ihr Hausarzt damals nicht vorgeschlagen hat, ihn in ein Pflegeheim zu bringen.«

»Er wäre niemals in ein Pflegeheim gegangen!«, sagte Florence überrascht.

»Nicht solange er ein eigenes Dach über dem Kopf hatte und zwei Töchter, die ihn pflegen konnten. Außerdem gehören wir Oakleys nicht zu den Leuten, die ihre Probleme nach außen tragen. Wir kümmern uns selbst darum. Selbst dann«, fügte sie bedauernd hinzu,»wenn wir immer wieder Mist bauen.« Sie wandte den Kopf von Holland ab und deutete auf einen Stapel Magazine auf einem Nachttisch an der anderen Seite des Bettes.

»Die haben sie mir zum Lesen dagelassen. Ich hab gestern Abend eins gelesen. Darin steht ein Artikel über Gene. Ich habe vorher nicht gewusst, dass es so etwas wie Gene gibt. Aber wir alle haben Gene. Sie tragen alle möglichen Informationen in sich. Neigung zu bestimmten Krankheiten beispielsweise, und manche Leute denken, dass sie auch Verhaltensweisen bestimmen. Sagen Sie mir eins, Pater …«, Florence drehte den Kopf wieder zurück und begegnete seinem entsetzten Blick mit ernsten Augen.

»Glauben Sie, dass es ein Gen für Mord gibt? Wir Oakleys scheinen eine Neigung für Mord zu haben.«

KAPITEL 26

DAS ERKERFENSTER im Wohnzimmer der Zweizimmerwohnung zeigte hinaus auf die Promenade und den Strand und das Meer dahinter. Es war inzwischen Spätsommer, und die Promenade war voll mit Urlaubern. Im Winter würde die Zahl der Leute dramatisch zurückgehen, doch irgendjemand würde immer dort draußen an der frischen Seeluft spazieren gehen.

»Und das ist sehr gut so«, sagte Juliet zu Damaris.

»Weil Sie hier am Fenster sitzen und die Welt da draußen beobachten können. Irgendjemand ist immer dort draußen, den Sie beobachten können, und irgendetwas passiert immer. Es ist viel besser als in einem so abgeschiedenen Haus zu leben, wo Sie niemanden außer dem Milchmann zu Gesicht bekommen. Vom Standpunkt der Sicherheit ist diese Wohnung ebenfalls viel besser. Niemand kann unbemerkt an die Haustür kommen. Die Doppelverglasung ist sehr effizient. Ganz gleich, wie sehr es dort draußen stürmt, hier drin ist es immer gemütlich warm. Ich bin sicher, es wird Ihnen hier gefallen, Damaris.«

»Ja, ich schätze, das wird es«, antwortete Damaris leise.

»Es wird mir bestimmt gut tun, ein wenig Leben und ein paar junge Gesichter zu sehen. Sie haben eine hübsche Wohnung für mich gefunden, Juliet, und ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe.« Juliet blickte sich im Zimmer um. Da die Gasexplosion einen großen Teil des Mobiliars in Fourways House zerstört hatte, war alles bis auf ein Stück neu. Nicht, dass es viele Möbel gegeben hätte: eine dreiteilige Garnitur mit ChintzBezügen, ein Klapptisch und zwei Stühle. Das einzige Möbelstück aus Fourways House war ein alter, stark zerkratzter viktorianischer Rollladenschreibtisch.

»Damals haben sie noch für die Ewigkeit gebaut«, sagte Juliet anerkennend.

»Bedenken Sie nur, das ganze Haus ist über ihm eingestürzt, und der alte Schreibtisch ist immer noch ganz. Schade nur um den Riss auf der einen Seite. Aber er sieht gar nicht schlecht aus hier drin.« Damaris sagte nichts. Juliet wurde von ihrem schlechten Gewissen übermannt.

»Bitte entschuldigen Sie; ich hätte nicht von der Explosion anfangen sollen. Sie müssen Florence schrecklich vermissen.« Damaris rührte sich.

»Ja. Sie war die jüngere von uns beiden und hätte mich eigentlich überleben müssen, doch ich wusste schon immer, dass sie eine zerbrechliche Gesundheit hat. Auch ohne den Unfall bezweifle ich, dass sie mich überlebt hätte. Ich habe damit gerechnet, irgendwann allein zu sein. Ich hätte mir gewünscht, dass sie zu Hause stirbt und nicht im Krankenhaus, auch wenn sie dort sehr freundlich zu ihr gewesen sind und sich um alles gekümmert haben. Es war behaglich dort, behaglicher als sie es je auf Fourways gehabt hätte, hätte es noch gestanden. Ich denke«, sagte sie auf ihre praktische Art,»ich denke, der Warmwasserboiler im Badezimmer war schuld. Er hat schon eine ganze Weile nicht mehr richtig funktioniert.« Juliet zögerte. Sie wollte nicht neugierig erscheinen, doch schließlich gewann ihre Neugier die Oberhand.

»Das Privatzimmer im Krankenhaus war sicherlich sehr kostspielig.«

»Oh, Dudley Newman hat alles bezahlt«, sagte Damaris. Als sie den verblüfften Blick Juliets bemerkte, erklärte sie:

»Ich bin sofort zu ihm gegangen, nachdem Florence ins Krankenhaus gebracht worden war. Ich sagte zu ihm, nun, da das Haus eingestürzt wäre, würde der Boden doch wie geschaffen sein für seine Zwecke. Er hätte das Haus nie gewollt, nur das Land. Ich würde ihm das Land und die Ruine darauf verkaufen, und er könnte damit tun, was er wollte. Nur, dass ich sofort ein wenig Geld brauchte, einen Vorschuss nennt man das, glaube ich. Ich wollte, dass meine Schwester den Komfort und die Behandlung einer Privatpatientin hat. Wenn er die Kosten für das Krankenhaus übernehmen würde, könnte er sie von dem abziehen, was er mir für das Land zu zahlen beabsichtigte. Und das hat er getan. Er hat doch einen fairen Preis gezahlt, nicht wahr, Juliet? Das haben Sie jedenfalls damals gesagt.«

»Ja, das hat er, und Sie haben Recht, das Haus in Ruinen kam seinen Plänen sehr gelegen. Ich glaube, er wäre auf Widerstand gestoßen, hätte er versucht, es einfach so abzureißen.« Damaris blickte sich im Zimmer um.

»Ich habe mich immer wieder gefragt, seit ich hier eingezogen bin, ob Jan vielleicht nicht versucht hätte, gegen uns zu intrigieren, hätten wir nicht schon vorher beschlossen gehabt zu verkaufen. Vielleicht wäre er nur eine Weile dageblieben und hätte uns Ärger und Scherereien gemacht, um schließlich wieder nach Polen zurückzukehren.«

»Nein«, widersprach Juliet energisch.

»Er hätte trotzdem herumgeschnüffelt und versucht, Sie beide zu einer Änderung Ihrer Testamente zu bewegen. Er hätte trotzdem das Arsen im Schuppen gefunden. Er hätte vielleicht trotzdem beschlossen, es zu benutzen. Er war ein widerlicher Zeitgenosse, Damaris.«

»Das wusste ich immer«, antwortete Damaris.

»Aber da Fourways eingestürzt ist, hätten wir so oder so wegziehen müssen. Wäre Jan noch am Leben gewesen, hätten ihn die Ruinen vielleicht begraben und ihn uns vom Hals geschafft. Stattdessen haben sie Florence unter sich begraben. Es tut mir so Leid, dass das Haus meine Schwester mit sich gerissen hat, aber ich bin trotzdem froh, dass es endlich weg ist. Es hat uns beide wirklich lange genug an sich gefesselt. Es hat uns verschlungen.« Ein wenig zögernd fragte Juliet:

»Wussten Sie, dass Newman die Häuser, die er dort plant, Fourways Estate nennen will? Er möchte die Straße, die zwischen den Häusern hindurchführt, Oakley Drive nennen, falls Sie und die Behörden keine Einwände dagegen erheben. Nun ja, die Behörden haben nichts dagegen, wenn Sie nichts dagegen haben – dafür wird Pamela schon sorgen. Es wäre ein schönes Denkmal für Florence, dachte ich.«

»Arthur«, sagte Damaris entschieden.

»Sie soll Arthur Oakley Drive heißen, nach meinem Bruder. Florence hat ein Grab, aber Arthur hat keins. Versuchen Sie doch bitte, sie dazu zu überreden, die Straße nach meinem Bruder zu benennen.«

»Ich will es versuchen. Wie dem auch sei, es wird noch eine ganze Weile Oakley heißen.« Damaris grinste sie auf ihre überraschend spitzbübische Weise an.

»Meine Güte, Sie haben Recht! Auf den Karten!« Es schien ein guter Augenblick, um nach dieser aufmunternden Neuigkeit zu gehen. Juliet versuchte, nicht zu offensichtlich auf ihre Armbanduhr zu sehen.

»Ich komme wieder und besuche Sie, Damaris. Meredith und Alan werden ebenfalls kommen, genau wie Pater Holland, wenn er Zeit findet.« Damaris lächelte traurig.

»Danke sehr. Sie werden für ein paar Monate kommen, aber danach werden Sie bestimmt zu beschäftigt sein. So soll es auch sein. Sie stehen erst am Anfang Ihres Lebens. Ich bin es zufrieden, wenn ich meines hier zu Ende bringen kann. Ich habe entdeckt, dass es hier eine sehr gute öffentliche Bücherei gibt.« Sie erhob sich, um ihre Besucherin zur Tür zu begleiten. Auf dem Weg nach draußen passierten sie den alten viktorianischen Schreibtisch.

»Er hat Großvater William gehört«, sagte Damaris kurz. Sie tippte auf die gemalten Initialen, die nun so verkratzt waren, dass man sie kaum noch entziffern konnte.

»Ich hätte ihn zurücklassen sollen, wirklich. Wir waren nie imstande, seinen Schatten abzuschütteln. Hier bin ich nun, in einer neuen Wohnung, einer neuen Stadt, einem anderen Teil des Landes, und sehen Sie nur, was ich mache: Ich bürde mir dieses schreckliche Erinnerungsstück auf! Ich scheine nicht genug Strafe bekommen zu haben!«

»Eigenartig«, sinnierte Juliet.

»Wir werden wohl nie erfahren, ob dieses Testament von William Oakley tatsächlich existiert hat oder ob diese beglaubigte Übersetzung, die Jan Oakley uns gezeigt hat, nichts weiter als eine Fälschung gewesen ist.« Damaris antwortete nicht. Sie war eine ehrliche Frau, und von allen Menschen wollte sie Juliet am wenigsten belügen. Doch sie hatte jenen Sonntag, nachdem sie die Nachricht von Jans Tod erreicht hatte, damit verbracht, das Turmzimmer zu durchsuchen. Wenn es ein Testament gab, dann hatte Jan es bei sich behalten, dessen war sie sicher gewesen. Und sie hatte es tatsächlich gefunden. Er hatte es unter das gerissene Linoleum geschoben, in einer Ecke des Zimmers. Es war auf Deutsch verfasst. Sie hatte als Mädchen in der Schule ein wenig Deutsch gelernt, und so hatte sie es unter einigen Schwierigkeiten und unter Zuhilfenahme eines Wörterbuchs lesen können. Es war genau so, wie Jan behauptet hatte. Ob es Gültigkeit besaß oder nicht, war eine ganz andere Frage. Wahrscheinlich nicht, doch um sicherzugehen, hatte sie es verbrannt.

»Fahren Sie vorsichtig, meine Liebe«, sagte sie zu Juliet.

»Ich bringe das alles zu James rüber«, sagte Meredith, während sie sorgfältig eine Schnur um den Karton knotete, in dem Geoffrey Painters Nachforschungen zum Tod von Cora Oakley ruhten.

»James wollte einen Blick darauf werfen, bevor ich Geoffrey die Sachen zurückgebe.«

»Hat es sich gelohnt, das Material durchzulesen?«, fragte Alan hinter der neuesten Ausgabe des Garden Magazine hervor.

»Es war faszinierend, und es fiel mir wirklich schwer, eine Entscheidung zu fällen. Ich spüre es in den Knochen, dass William Oakley schuldig war, und wenn auch nur aus dem einen Grund, dass ich glaube, er hätte den Nerv gehabt, die Missbilligung der Einheimischen auszusitzen, wäre er unschuldig gewesen. Er wäre nicht einfach so weggelaufen. Ich denke, Geoffrey hat Recht und William hatte Glück. Hätte es einen weiteren Zeugen gegeben, um die Aussagen der Haushälterin zu stützen, wäre die Sache anders ausgegangen. Martha Button war zu Anfang sehr zuversichtlich, doch nachdem der Verteidiger anfing, sie in die Mangel zu nehmen, verlor sie ihre Glaubwürdigkeit. Sie zog zwar ihre Behauptung nicht zurück, doch es gelang der Verteidigung, sie zu diskreditieren. Hätte die Fabrik gemeldet, dass Arsen vermisst wurde … aber ich vermute, die Menge war so winzig, dass es niemandem aufgefallen ist. William war ein schlimmer Finger, daran besteht nicht der geringste Zweifel. Die Aussagen dieses Kindermädchens, Daisy Joss, sind mit größter Vorsicht zu genießen!«

Alan legte sein Magazin nieder.

»Ein Mann mag ein schlimmer Finger sein, wie du es nennst, ein Spieler, ein Schürzenjäger, ein durch und durch schlechter Ehegatte, doch daraus folgt noch lange nicht, dass er ein Mörder ist. Genauso wenig wie aus der Tatsache, dass Cora Oakley offensichtlich glaubte, er hätte das Kindermädchen verführt, zwangsläufig folgt, dass er es tatsächlich getan hat, ganz gleich, was Cora der Haushälterin erzählt haben mag. Vergiss nicht, es gibt einige Hinweise, dass sie opiumsüchtig gewesen ist und unter wilden Halluzinationen litt.«

»Dafür gab es keine echten Beweise. Der Apotheker hat deutlich darauf hingewiesen, dass er es nicht mit Sicherheit sagen könnte, nur, dass es so kommen könnte, wenn sie weiterhin diese Mengen Laudanum einnahm. Und außerdem, haben die selbstherrlichen männlichen Autoritäten jener Zeit nicht genau das über jede Frau gesagt, die irgendwelchen Wirbel veranstaltet hat? Du bildest dir das alles nur ein, meine Liebe! Du leidest an Halluzinationen! Ich kann mir gut vorstellen, wie der Gottlose William verkünden ließ, laut und deutlich, durch seinen Anwalt, dass seine Frau opiumsüchtig war. Wer wollte ihm widersprechen? Die arme Cora war tot. Man kann über die Toten erzählen, was man will.«

»Das ist der Grund, warum Beweise geprüft werden müssen. Das ist der Grund, aus dem es ›über jeden vernünftigen Zweifel erhaben‹ heißt. Genau deswegen ist es oft so verdammt schwierig, einen Angeklagten festzunageln. Mrs. Button hätte sich viel früher melden müssen. Hätte die ursprüngliche Verhandlung zur Feststellung der Todesursache ihre Aussage gehabt, hätte man Cora Oakleys Tod wohl nicht als Folge eines Unfalls angesehen. Nachdem dieses Urteil gefällt war, ging es darum, es zu widerlegen. Und eine Jury aus Geschworenen muss hundertprozentig überzeugt sein, um den Urteilsspruch einer vorhergehenden Jury zu überstimmen.«

»Trotzdem glaubst du auch, dass er es getan hat?«, sagte Meredith herausfordernd.

»Ohne jetzt die Beweise zu berücksichtigen – was denkst du?«

»Von William? Du meinst, ob er mit dem Arsen herumgespielt hat? Ja, wahrscheinlich. Aber ich hätte nicht darauf gehofft, aufgrund der Aussage dieser Haushälterin eine Verurteilung zu erreichen. Also sind wir wieder bei dem kleinen, aber feinen Unterschied zwischen dem, was ein Polizist denkt, und dem, was er beweisen kann. Wenn du wirklich wissen willst, was mich stört – wohl gemerkt, ich habe keine Beweise …«

»Schieß los!«, drängte Meredith ihn. Sie lehnte sich auf ihrem Sessel zurück, die Schachtel mit den Unterlagen auf dem Schoß.

»Ich würde gerne den wahren Grund erfahren, aus dem Mrs. Button entlassen wurde. Bei der Verhandlung wurden zwei mögliche Gründe genannt. Zum einen, dass Williams schuldiges Gewissen ihren Anblick nicht mehr ertragen konnte. Und zum zweiten, dass Williams trauerndes Herz durch ihren Anblick stets aufs Neue zu bluten begann. Aber vielleicht hatte Mrs. Button eine ganz eigene Agenda? Vielleicht wusste sie mehr über Arsen, als sie nach außen hin durchblicken ließ? Sie könnte es beispielsweise ihr ganzes Leben lang benutzt haben, um damit Ungeziefer zu vernichten. Vielleicht wusste sie augenblicklich, was der Knoblauchgeruch zu bedeuten hatte. Zumindest war sie geistesgegenwärtig genug, um zu erkennen, dass irgendetwas im Schlafzimmer von Mrs. Oakley aufgebaut worden war, irgendeine Art von Apparat. Vielleicht beabsichtigte sie, dieses Wissen gegen ihren Arbeitgeber einzusetzen und ihn zu erpressen? Vielleicht ist das der Grund, aus dem sie bei der ursprünglichen Gerichtsverhandlung geschwiegen hat? Nach ein paar Wochen schließlich ist sie zu William gegangen und hat ihm gesagt, dass sie die Beweise hätte, die zu seiner Verurteilung führen würden. William wusste, wenn er sie einmal bezahlte, wäre er für immer in ihrer Gewalt. Er musste sie loswerden. Doch er konnte sich keine weitere Tote in seinem Haus erlauben; das hätte das Misstrauen noch weiter geschürt. Doch er konnte sie diskreditieren. Er wusste, wenn er sie aus seinen Diensten entließ, würde alles, was sie später sagen würde, nach den Worten einer rachsüchtigen Bediensteten klingen. Es war ein gewagtes Spiel, doch wir wissen, dass William ein Spieler war.«

Er nahm sein Magazin wieder zur Hand.

»Andererseits war Cora Oakley vielleicht wirklich süchtig nach Laudanum. Vielleicht ist sie wirklich unter dem Einfluss der Droge aus dem Bett gestolpert, hat die Lampe heruntergerissen und ist durch die Flammen zu Tode gekommen. Immerhin kam die Jury damals zu genau diesem Schluss. William wurde freigesprochen. Du denkst vielleicht, man hätte ihn hängen sollen – es hätte auf lange Sicht viel Ärger erspart, wenn sie ihn gehängt hätten! Aber du willst bestimmt nicht, dass ein Unschuldiger an den Galgen geschickt wird, nur um eine Menge Ärger zu sparen, oder?«

»Nein, vermutlich nicht.«

»Nur vermutlich?«, fragte er grinsend.

»Du weißt schon, was ich meine!« Sie tippte auf den Deckel der Schachtel.

»Wenn schon nichts anderes, dann ist dieses Material allein wegen der Notizbücher des Reporters lesenswert. Ein junger Mann namens Stanley Huxtable.« Sie lächelte.

»Die Notizbücher enthalten ihr eigenes Geheimnis.« Als sie seine fragend erhobenen Augenbrauen bemerkte, fügte sie erklärend hinzu:

»Auf einer Seite hat er eine Skizze von einer Frau in voller Trauerkleidung angefertigt, und darunter hat er geschrieben: Wenn du in Bamford wohnst, werde ich dich finden. Was hältst du davon? Es scheint nichts mit der Gerichtsverhandlung zu tun zu haben.«

»Vielleicht hat er sich verliebt?«, schlug Markby hinter seinem Magazin vor.

»Die Menschen haben sich schon an seltsameren Orten als in einem Gerichtssaal ineinander verliebt. Während einer Verhandlung schäumen die Emotionen hoch. Vielleicht hat sich dieser Stanley Huxtable mitreißen lassen.«

Sie schwieg eine ganze Weile. Schließlich fragte sie:

»Alan …?«

Er senkte das Magazin und blickte sie misstrauisch an. Sie saß dort mit der Schachtel voller Unterlagen auf den Knien und wirkte ganz untypisch nervös.

»Ich habe nachgedacht«, sagte sie.

»Ich habe überlegt, dass es am besten ist, wenn ich für eine Weile in mein eigenes Haus in der Station Road zurückkehre.«

»Oh«, sagte er mit tonloser Stimme.

»Ich verstehe.«

»Nein!«, widersprach sie hastig.

»Es hat nichts damit zu tun, dass ich die Vorstellung von einem gemeinsamen Heim abschreibe! Es geht nur nicht in diesem Haus, weil es deins ist, und es geht nicht in der Station Road, weil es meins ist! Ich fühle mich bei dir wie eine Besucherin, und du würdest dich bei mir genauso fühlen! Wir haben gesagt, wir suchen gemeinsam nach einem Haus, und das werden wir auch. Sobald wir es gefunden haben, ziehen wir ein, und es wird unser Haus sein, nicht deins und nicht meins. Wir fangen quasi ganz von vorne an. Ich werde mein Haus weiter zum Verkauf anbieten, für den Fall, dass sich jemand dafür interessiert. Und falls jemand es kaufen möchte, werde ich erneut darüber nachdenken – das heißt, falls wir bis dahin nichts anderes gefunden haben.«

»Ich dachte, du wolltest nicht wieder in der Station Road wohnen, nachdem die rachsüchtige Bethan Talbot es verwüstet hat?«

»Wollte ich auch nicht. Aber jetzt, nachdem Minchin und Hayes darin gewohnt haben, ist es nicht mehr so schlimm. Sie bilden eine Art Puffer zwischen mir und dieser Geschichte. Ich bitte dich nicht, mich zu verstehen, weil ich sehe, dass du es nicht tust. Aber ich … ich kann mich hier einfach nicht entspannen.«

»Nicht hier oder nicht bei mir?« Sie spürte den Ärger in seiner Stimme.

»Ich will mich nicht mit dir streiten. Wir müssen uns einfach ein wenig mehr mit der Suche nach einem Haus beeilen.«

»Ich habe die Nase bald gestrichen voll davon!«, brach es plötzlich aus ihm hervor.

»Warum können wir nicht endlich heiraten?«

»Also schön, sobald wir ein Haus gefunden haben, werden wir heiraten.« Die Worte waren heraus, bevor sie wusste, was sie da sagte. Alan beugte sich vor.

»Was war das? Könntest du das wiederholen?« Meredith räusperte sich.

»Sobald wir ein Haus für uns beide gefunden haben, werde ich dich heiraten.«

»Einverstanden«, sagte Markby.

»Ich nehme dich beim Wort.« Aus der Bamford Gazette, 1890

KAPITEL 27

DIE SZENERIE im Gerichtssaal und draußen auf der Straße nach William Price Oakleys Freispruch von der Anklage des Mordes an seiner Ehefrau glich einem Aufstand. Oakley und die Verteidiger, die seine Unschuld erklärt hatten, mussten durch einen Seiteneingang nach draußen geschmuggelt werden, um dem Mob zu entgehen. Die Menge hatte sich bereits früh eingefunden in Erwartung eines Schuldspruches. Als die Schaulustigen erfuhren, dass sie nicht bekommen würden, was sie wollten, schlug die Stimmung um. Als schließlich auch noch eine Droschke mit herabgelassenen Vorhängen vom Gelände des Gerichts wegfuhr, ging ein Aufschrei durch die Menge, dass William Oakley darin säße. Mehrere raue Burschen bewarfen die Kutsche mit aus der Straße gerissenen Pflastersteinen, und erst, nachdem sich herausstellte, dass der einzige Passagier an Bord die Hauptzeugin der Anklage war, Mrs. Martha Button, durfte das Gefährt unbehelligt weiterfahren. Dann machte sich eine große Anzahl von Constables daran, die Ordnung wiederherzustellen, und eine Reihe von Verhaftungen wurde vorgenommen. Endlich konnte der Mob überzeugt werden, dass William Oakley heimlich von Gerichtsbeamten weggeführt worden und weiteres Warten vergeblich war. Erst dann zerstreute sich die Menge wieder. Gegen eine Reihe der Verhafteten und an den Unruhen Beteiligten werden Verfahren wegen Landfriedensbruch und tätlichen Angriffs eröffnet.

Der Urteilsspruch war am späten Vormittag erfolgt. Am frühen Nachmittag war Stanley Huxtable zurück in Bamford und lieferte seinen letzten Bericht über den Oakley-Prozess ab. Anschließend ging er mit der seltenen Aussicht auf einen freien Nachmittag nach Hause.

Stanley war dem Tumult draußen vor dem Gerichtssaal nur knapp entronnen. Ein Wurfgeschoss hatte ihm den Bowler vom Kopf gerissen, und als er sich gebückt hatte, um den Hut aufzuheben, hatte er gesehen, dass das Wurfgeschoss ein halber Ziegelstein war. Hätte der Stein ein paar Zentimeter tiefer getroffen, hätte Stanley jetzt im Krankenhaus gelegen, wenn nicht schlimmer.

Doch das waren die Gefahren, mit denen ein Reporter leben musste. Der Stein hätte ihn treffen können, doch er hatte ihn nicht getroffen. Stanley pfiff vor sich hin, während er die Straße entlangspazierte und überlegte, was er mit seinem unerwarteten freien Nachmittag anfangen sollte. Er hatte soeben beschlossen, dass er am Abend, ganz gleich, was sonst noch kommen mochte, ausgehen und eine anständige Mahlzeit zu sich nehmen würde, als er plötzlich wie angewurzelt stehen und ihm der Ton im Hals stecken blieb. Er schob den Hut in den Nacken, kratzte sich an der Stirn und murmelte:

»Hoppla!«

Eine Frau war aus dem Metzgerladen einige Meter vor ihm getreten und ging mit eiligen Schritten davon. Es gab in Bamford wahrscheinlich mehr als eine Frau, die Trauerkleidung trug, doch bestimmt hatten nicht viele davon so eine schlanke Figur oder bewegten sich mit so großer Eile. Stanley beschleunigte seine eigenen Schritte und folgte ihr.

Manchmal spürt man, wenn man von jemandem verfolgt wird. Die junge Frau in Schwarz ging noch schneller. An einer Straßenecke hielt sie an und blickte sich um. Stanley sah nur den Schleier. Er wusste nicht, wie gut sie hindurchsehen konnte, doch er war ziemlich sicher, dass sie ihn bemerkt hatte. Sie rannte fast um die Ecke, und Stanley rannte hinter ihr her.

Dort war sie, eilte die Straße hinunter, und der sperrige Weidenkorb im Arm behinderte ihr Fortkommen. In ihrer Eile wäre sie fast verunglückt. Ohne die nötige Vorsicht verließ sie den Bürgersteig, um die Straße zu überqueren, gerade als ein Fuhrmann die Zügel hob und seinen Tieren zuschnalzte.

»Hey!«, brüllte Stanley. Die junge Frau blieb stehen, erkannte die Gefahr, in der sie schwebte, wollte zurückweichen und stolperte mit ihrem langen Rock über die Bordsteinkante. Sie musste ihren Korb fallen lassen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Während Stanley zu ihr rannte, um ihr zu helfen, raffte sie sich auf und hielt zugleich mit einer Hand den Schleier vor ihrem Gesicht fest. Ihre Einkäufe lagen rings um sie herum verstreut.

»Erlauben Sie«, erbot sich Stanley, indem er die Pakete aufsammelte und sie in den Korb zurücklegte. Als er damit fertig war, hatte die junge Frau ihren Schleier wieder befestigt und klopfte sich den Staub aus dem Kleid. Er hatte nur einen Sekundenbruchteil zu spät aufgeblickt, um ihr Gesicht zu sehen.

»Danke sehr«, sagte sie eisig und streckte die Hand nach dem Weidenkorb aus, den Stanley nun hielt. Stanley wollte sich nicht so leicht geschlagen geben.

»Ich hatte schon Angst, das Fuhrwerk könnte Sie überrollen«, sagte er.

»Das wäre alles nicht geschehen, wenn Sie mich nicht verfolgt hätten!«, entgegnete sie.

»Ich hätte Sie nicht verfolgt«, sagte Stanley,»wenn Sie nicht diesen Schleier vor dem Gesicht tragen würden und ich Sie richtig hätte sehen können.«

»Sie sind sehr impertinent, Mr. Huxtable!« Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, doch an ihrer Stimme und ihrer Haltung erkannte er, woran er war. Sie war streitlustig.

»Dann erinnern Sie sich also an mich?«, sagte Stanley freundlich.

»Selbstverständlich erinnere ich mich! Sie sind mir und meiner Freundin in Oxford gefolgt! Sie scheinen eine Gewohnheit daraus zu machen, mich zu verfolgen. Ich weiß nicht warum?«

»Ich weiß es auch nicht, ehrlich gesagt«, erwiderte Stanley aufrichtig.

»Ich bin einfach nur neugierig, schätze ich. Ich bin Reporter.«

»Das haben Sie uns bereits in Oxford gesagt. Kann ich jetzt meinen Korb wiederhaben?«

»Er ist schwer«, sagte Stanley bemüht.

»Und Sie hatten einen bösen Schrecken. Gestatten Sie mir, dass ich ihn trage.«

»Wir haben nicht den gleichen Weg.«

»Woher wollen Sie das wissen? Außerdem …«, fügte Stanley hinzu,»… außerdem habe ich den ganzen Nachmittag frei und kann gehen, wohin ich will.« Sie schwieg für einige Sekunden, dann sagte sie ernst:

»Also ist die Verhandlung vorbei?«

»Ja. Ich habe nach Ihnen Ausschau gehalten, aber Sie sind nicht wieder im Gericht gewesen. Warum sind Sie beim ersten Mal überhaupt gekommen?«

»Ich war neugierig, genau wie Sie. Eine Nachbarin wollte hinfahren und hat mich gefragt, ob ich sie begleiten möchte. Wurde er verurteilt?«

»Oakley? Nein, freigesprochen. Dachte mir von Anfang an, dass es so kommen würde. Ich hatte eine Art Wette darauf abgeschlossen.«

»Dann haben Sie wohl gewonnen«, sagte sie mit einer Stimme, die so sehr vor mühsam unterdrückter Wut bebte, dass er erschrocken einen Schritt zurückwich und spürte, wie er errötete. Verlegenheit war ein Gefühl, das Stanley so gut wie fremd war.

»Verstehen Sie mich nicht falsch!«, flehte er.

»Es war nicht so eine Wette, wie Sie jetzt vielleicht denken! Ich hatte mich nur mit einem Journalistenkollegen unterhalten, ob die Haushälterin das Kreuzverhör überstehen würde oder nicht! Und ich habe nicht mehr als ein Pint Ale gewonnen!«

»Ich hoffe, es hat Ihnen gemundet.« Sie streckte eine behandschuhte Hand aus und packte den Griff ihres Weidenkorbs. Diesmal ließ Stanley den Korb los. Er dachte, sie würde sich abwenden und erhobenen Hauptes davongehen, doch sie blieb stehen, wo sie war, offensichtlich gedankenverloren. Dann sagte sie sehr leise, mehr zu sich selbst als zu ihm:

»Vater wird aufgebracht sein!«

»Und wer ist Ihr Vater?«

»Inspector Wood«, antwortete sie auf die gleiche gedankenverlorene Weise, als wäre es ihr egal, ob er nun dort stand oder nicht. Nach Stanleys Einschätzung war dies ein Schritt zurück in ihrer Beziehung und keiner nach vorn. Andererseits hatte er verblüffende Neuigkeiten erfahren.

»Ich kenne Ihren Vater ziemlich gut!«, sagte er laut.

»Ja«, antwortete sie, indem sie sich sichtlich zusammenriss.

»Sie sind die Person, die mein Vater als ›dieser elende Wicht Huxtable‹ bezeichnet. Ich verstehe nun den Grund.« Er kicherte, und sie blickte ihn verwirrt und pikiert zugleich an.

»Sie finden das auch noch amüsant?«

»Nun ja, man hat mir schon schlimmere Namen gegeben – auch Ihr Vater. Lassen Sie mich Ihren Korb tragen, Miss Wood, bitte. Ich habe nichts Besseres zu tun, wirklich nicht.«

»Außer mich zu belästigen, meinen Sie? Von mir werden Sie keine Story für Ihre Zeitung bekommen, Mr. Huxtable.« Stanleys Herz machte einen Satz. Er war sicher, dass er keinen Ehering an ihrer Hand gesehen hatte, als er sich ihr und ihrer Begleiterin in jenem Restaurant in Oxford genähert hatte. Und nun hatte sie die Anrede nicht korrigiert. Sie war also weder verheiratet noch eine Witwe. Der Schleier hatte einen anderen Zweck. Irgendein alter Onkel war gestorben oder … Ihm kam ein Gedanke. Eine wilde Idee – nun ja, vielleicht doch nicht so wild, wenn er ihre Reaktionen in der Vergangenheit bedachte, wie sie im Gerichtssaal ganz in der Ecke gesessen hatte, mit dem Gesicht zur Wand. Genauso hatte sie auch im Restaurant gesessen.

»Ich suche nicht nach einer Geschichte«, sagte er.

»Es gibt nichts mehr zu schreiben über Oakley. Wäre er schuldig gesprochen worden, hätte ich noch eine volle Seite über ihn schreiben können. Aber wenn ich jetzt über ihn schreibe, hetzt er mir seine Anwälte auf den Hals. Jetzt ist er ein unschuldiger Mann.« Stanley zögerte.

»Sie trauern?«

»Nein«, sagte sie nach einer kurzen Pause. Er war sicher, dass sie überlegt hatte, ihm eine Lüge zu erzählen, doch dann hatte die Wahrheit gesiegt. Schließlich überrumpelte sie ihn vollkommen.

»Ich verstehe den Grund für Ihre Neugier, Mr. Huxtable. Viele andere empfinden genauso. Allerdings verfolgen sie mich nicht durch die Straßen. Mein Vater hat Sie als einen sehr hartnäckigen Mann beschrieben. Ich vermute, Sie werden mir weiterhin auflauern, wann immer ich die Nase aus der Tür strecke, bis Ihre Neugier zufrieden gestellt ist. Nun, dann sei es so.« Sie stellte den Weidenkorb auf den Boden und hob die Hand zu ihrer Haube.

»Ich werde Ihre Neugier nun befriedigen, und vielleicht lassen Sie mich dann endlich in Frieden.« Stanley hatte sich ausgemalt, was hinter dem Schleier verborgen lag, und sich innerlich gewappnet. Doch es war längst nicht so schlimm, wie er insgeheim befürchtet hatte. Er hatte schließlich schon häufig mit verstümmelten Opfern von Unfällen gesprochen, in Industrie und Landwirtschaft, und er hatte eine ganze Menge Schlimmeres zu sehen bekommen. Es beschränkte sich auf eine Hälfte ihres Gesichts. Es war durch dünnes, leuchtend rotes Narbengewebe entstellt, und Wimpern und Augenbraue fehlten. Die andere Hälfte war bezaubernd. Sie war bezaubernd. Das Narbengewebe machte überhaupt nichts aus. Er wollte es ihr sagen, doch er rechnete klugerweise damit, dass sie es nicht positiv aufnehmen würde. Also sagte er nur höflich:

»Ich hatte mir bereits gedacht, dass etwas in der Art der Grund sein könnte.« Das Fehlen jeglicher Reaktion auf seiner Seite überraschte sie. Sie starrte ihn für einen Augenblick an, dann hob sie die Hand, um den Schleier wieder an der Haube zu befestigen.

»Nein!«, sagte Stanley scharf. Sie zögerte, überrascht von der Vehemenz in seiner Stimme, und blickte ihn mit fragenden Augen an.

»Warum nicht?«

»Warum sollten Sie?«, entgegnete er.

»Die Leute starren mich an!« Es brach aus ihr hervor, wütend.

»Die Leute starren Sie so oder so an, so verhängt mit dem Schleier, wie Sie es sind.« Einen unsicheren Augenblick lang fürchtete er, zu weit gegangen zu sein und dass sie in Tränen ausbrechen könnte. Doch sie war aus härterem Holz geschnitzt.

»Das ist ja wohl kaum Ihr Problem, Mr. Huxtable! Einen Guten Tag noch!« Jetzt war sie wütend auf Stanley.

»Ich sage Ihnen was«, schlug Stanley vor, ohne auf ihre Worte und ihren Zorn einzugehen.

»Ich werde Sie bis nach Hause begleiten, dann müssen Sie diesen Schleier nicht vor das Gesicht ziehen.« Jetzt bemerkte er Panik in ihren Augen.

»O nein! Das kann ich nicht! Ich kann unmöglich durch ganz Bamford laufen, ohne …«

»Doch, das können Sie«, beharrte Stanley mit sanftem Nachdruck.

»Weil ich bei Ihnen bin. Und wenn jemand Sie anstarrt, dann bekommt er es mit mir zu tun, verlassen Sie sich darauf! Und jetzt kommen Sie.« Er hob den Korb vom Boden auf und bot ihr den freien Arm. Nach kurzem Zögern hakte sie sich ein. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Sie redete als Erste wieder.

»Ihre Arbeit ist bestimmt sehr interessant, stelle ich mir vor.«

»Manchmal ist sie interessant und manchmal nicht. In Bamford passiert normalerweise nicht viel.« Stanley seufzte.

»Ich schreibe über Schafdiebe oder irgendeinen Rumtreiber, der Wäsche in irgendwelchen Gärten von der Leine stiehlt.«

»Sie wünschen sich doch etwa nicht, dass Bamford ein Nest voller Krimineller wird? Mein Vater arbeitet sehr hart, um das zu verhindern!«

»O ja, und Ihr Vater leistet verdammt gute Arbeit«, stimmte Stanley ihr zu.

»Leider hilft mir das nicht. Und nein, selbstverständlich möchte ich nicht, dass Bamford ein Nest voller Krimineller wird, ganz bestimmt nicht. Höchstens hin und wieder mal ein richtig interessantes Verbrechen, Sie wissen schon.« Bei diesen Worten lachte sie auf, und er sah sie staunend an. Eine Hälfte ihres Gesichtes erstrahlte förmlich. Die Muskeln der anderen Hälfte schienen gelähmt. Stanley fragte sich, was wohl die Ursache für diese Verunstaltung sein mochte.

»Wissen Sie eigentlich, dass Sie eine Beule in Ihrem Hut haben?«, fragte sie.

»Ja. Es gab einen Aufruhr vor dem Gerichtsgebäude, und ein Stein hat meinen Hut getroffen.«

»Meine Güte, das klingt aber nach einer sehr gefährlichen Situation.«

»Was ist schon Gefahr für einen echten Reporter?«, fragte Stanley rhetorisch in der Hoffnung, sie zu beeindrucken. Es gelang nicht.

»Das Gleiche wie für uns andere auch, wage ich zu behaupten. Am besten, man meidet sie. Mein Vater ist, wie ich Ihnen versichern darf, ein mutiger Mann, und er sagt immer: ›Nur ein Narr hebt den Kopf über die Brüstung, obwohl er weiß, dass auf ihn geschossen wird. Benutz deinen Kopf, um damit zu denken, nicht, um ihn als Ziel hinzuhalten.‹« Stanley nickte.

»Eltern geben ihren Kindern immer derartige Ratschläge. Sie machen das Leben richtig langweilig.« Sie hatten die Station Road erreicht und blieben vor einem bescheidenen kleinen Cottage am Ende einer Reihe stehen.

»Hier wohne ich, Mr. Huxtable«, sagte sie.

»Danke sehr für Ihre Gesellschaft und dafür, dass Sie meinen Korb getragen haben.« Sie streckte ihm die behandschuhte Hand entgegen. Stanley ergriff förmlich ihre Hand und schüttelte sie.

»Ohne unverschämt erscheinen zu wollen, Miss Wood …«, begann er.

»Ja …?« Sie hob die Augenbrauen, und in ihrer Stimme schwang eine Andeutung von Amüsiertheit.

»Sie hätten nicht Lust, am Sonntagnachmittag spazieren zu gehen?« Sie schüttelte den Kopf.

»Danke sehr, aber die Antwort lautet nein. Ich halte Sie für einen netten Mann, Mr. Huxtable, aber mein Vater würde definitiv nicht billigen, wenn Sie und ich … Ich bin nicht so tapfer, wie Sie vielleicht denken. Sie wollen doch sicher, dass ich wieder ohne Schleier gehe, nicht wahr?«

»Selbstverständlich möchte ich das«, antwortete Stanley.

»Werden Sie denn eines Tages tapfer genug sein, was meinen Sie?« Sie dachte über seine Frage nach.

»Ich weiß es nicht. Vater möchte immer, dass ich ausgehe und mich der Welt stelle. Aber mein Vater und Sie, Sie haben leicht reden. Ich bin diejenige, die es tun muss.«

»Ich verstehe, dass ich Sie nicht drängen darf«, sagte Stanley zu ihr.

»Das ist in Ordnung. Wenn Sie Ihre Meinung ändern, können Sie mir jederzeit eine Notiz im Büro der Bamford Gazette hinterlassen.«

»Ich sehe, dass mein Vater Recht hatte. Sie sind wirklich ein sehr hartnäckiger, entschlossener Mann, Mr. Huxtable.«

»Ja«, stimmte Stanley ihr zu.

»Ich gebe niemals auf, wissen Sie?«

Emily trug ihren Korb in die Küche und stellte ihn dort auf den Tisch. Dann setzte sie sich und zog ihre Handschuhe aus. Ihre Hände zitterten unkontrolliert. Sie hatte sich selbst immer für ehrlich gehalten. Sie hatte weder ihren Vater noch Huxtable belogen. Die Wahrheit zu verbergen, war das vielleicht auch eine Form von Lüge? War es weniger verachtenswert? Wog die Bürde der Schuld, die sie mit sich herumtrug, durch semantische Spitzfindigkeiten weniger schwer? Doch was hatte sie überhaupt verborgen? Lediglich einen Fetzen einer Unterhaltung, ein paar Worte, die sie zufällig aufgeschnappt hatte von einem Mann, der eindeutig betrunken gewesen war.

Es hatte sich einige Wochen vor Cora Oakleys Tod ereignet. Es hatte ein Treffen in der Methodist Hall gegeben, und ein zurückgekehrter Missionar hatte von seinen Abenteuern berichtet. Emily hatte sich von der Vorstellung angezogen gefühlt, dort von einer weit entfernten Welt zu erfahren, weit weg von ihrer stillen, unauffälligen Existenz. Ursprünglich hatte ihr Vater eingewilligt, sie dorthin zu begleiten, obwohl er im Allgemeinen wenig von Missionaren hielt. Doch im letzten Augenblick war ihm beruflich etwas dazwischen gekommen, und Emily war alleine hingegangen.

Die Methodist Hall war überfüllt gewesen, und als der Redner schließlich seinen Vortrag beendet hatte und auf Fragen wartete, war er von allen Seiten damit bombardiert worden. Hinterher war Tee serviert worden, und Emily war gebeten worden zu helfen.

Nachdem endlich alle gegangen, der Abfall weggeräumt, das Geschirr abgewaschen und die abgewaschenen Tassen wieder in den Schränken der winzigen Küche verstaut waren, war es draußen bereits dunkel geworden. Sie hatte sich an der Straßenecke von ihrer letzten Begleiterin verabschiedet und war den Rest des Weges alleine gegangen.

Hinter den Fenstern leuchteten Gaslampen und hier und da eine flackernde Kerze, weil nicht jeder in Bamford das moderne Licht hatte. Der Laternenanzünder hatte diesen Teil der Stadt auf seiner Runde noch nicht erreicht, und keine Straßenbeleuchtung verdrängte die zunehmende Dunkelheit. Im Allgemeinen fühlte sich Emily in der Dunkelheit wohl, weil sie bedeutete, dass niemand sie beachtete. Trotzdem wurde sie jedes Mal nervös, wenn sie an einem der zahlreichen öffentlichen Gasthäuser vorbeikam.

Es geschah jedoch nichts Unerwartetes, bis sie das Crown erreicht hatte, das sowohl ein Gasthaus war als auch ein Ort, an dem die Gentlemen tranken, wenn sie Lust verspürten, dies außerhalb ihres Heims zu tun. Es hieß, im Crown gäbe es ein geheimes Hinterzimmer, wo jene Gentlemen um hohe Beträge Karten spielten, was in der Methodistengemeinde mit großer Missbilligung gesehen wurde.

Emily hatte das Crown fast erreicht, als plötzlich eine Seitentür aufgestoßen wurde und ein heller Lichtstrahl auf die Straße fiel. Zwei Gestalten stolperten auf den Bürgersteig, die eine etwas jünger, die andere etwas älter. Der jüngere der beiden Männer hielt seinen Hut in der Hand, und Emily sah sein Gesicht, ein hübsches, kesses, schnurrbärtiges Gesicht, das Emily wohl niemals wieder vergessen würde. Automatisch war sie in einen nahe liegenden Eingang gesprungen, und nun kamen die beiden Männer unsicheren Schrittes in ihre Richtung. Sie duckte sich tief in den Schatten.

»Nimm meinen Rat an, mein Freund«, drängte der ältere der beiden.

»Mach es wieder gut bei ihr. Unternimm eine kleine Reise ins Ausland mit ihr, eh? Nimm sie mit nach Paris, wo sie sich ein paar hübsche neue Kleider kaufen kann. Oder in die Alpen, das ist gut für die Lunge.«

»Wenn es doch nur so verdammt einfach wäre! Meinst du nicht, daran hätte ich nicht auch schon gedacht?«, kam die ärgerliche Antwort.

»Sie hört nicht mehr auf das, was ich ihr sage. Sie redet von Scheidung! Sie sagt, sie hätte Beweise … Was soll ich denn verdammt noch mal tun, wenn es stimmt?«

»Du musst eben die Situation in den Griff kriegen, mein Freund.« Den dahingeworfenen Worten folgte ein betrunkener Schluckauf.

»Glaub mir, das versuche ich ja!«

Sie stolperten in die Dunkelheit davon. Emily trat zitternd aus dem dunklen Eingang und hastete nach Hause. Sie hatte ihrem Vater gegenüber nichts davon erzählt, der inzwischen bereits zu Hause gewesen war und sich Sorgen gemacht hatte, weil sie so spät kam. Doch als Oakley vor Gericht gestellt worden war, hatte sie gewusst, dass sie hinfahren musste, um ihn zu sehen, um mit eigenen Augen zu sehen, dass es der gleiche Mann war.

Es war der gleiche Mann, der dort trotzig und herausfordernd auf der Anklagebank saß. Emily hatte ihrem Vater gegenüber weiterhin geschwiegen. Angenommen, größtes aller vorstellbaren Entsetzen, es hätte damit geendet, dass sie in den Zeugenstand gerufen worden wäre? Was hätte sie schon sagen können? Es war dunkel gewesen. Der Verteidiger hätte behauptet, sie hätte sich geirrt und jemand anders gesehen. Außerdem war hinreichend bekannt, dass ein Mann unter dem Einfluss von Alkohol jede Menge dummes Zeug redete. Emily hatte nicht wissen können, dass er seine Frau gemeint hatte.

So hatte sie ihren Mund gehalten und sich immer wieder gesagt, dass die Gerechtigkeit auch ohne sie die Wahrheit finden würde. Nun lastete sie auf ihrem Gewissen zusammen mit dem Wissen, dass sie es jetzt niemals ihrem Vater würde erzählen können. Es war das erste und einzige Geheimnis, das sie jemals vor ihm gehabt hatte und haben würde. Nein, es war das erste Geheimnis gewesen. Jetzt hatte sie ein weiteres Geheimnis – ihre Begegnung mit Stanley Huxtable. Auch dieses Geheimnis musste sie vor ihrem Vater verbergen. Jonathan Wood hatte wenig übrig für den Mann von der Zeitung.

»Das passiert nun mal, wenn du dieses Haus verlässt, Emily, mein Mädchen!«, sagte sie laut zu sich selbst.

»Das Leben wird kompliziert.«

Unbestreitbar wurde es allerdings auch sehr viel interessanter.

Später an jenem Abend ging auch Inspector Wood nach Hause, eine Spätausgabe der Bamford Gazette unter dem Arm. Sie hatten also versagt. Das Home Office hatte versagt. Der Anwalt der Krone hatte versagt. Die Polizei hatte versagt – wen kümmerte es, wer versagt hatte?

Das Ergebnis: William Oakley war davongekommen. War der Freispruch eine Überraschung gewesen? Nein. Jonathan Wood hatte von Anfang an ein schlechtes Gefühl bei dieser Geschichte gehabt. Andererseits, wenn er ehrlich war, hatte in seinem tiefsten Innern ein hartnäckiger Funke von Optimismus durchgehalten. Emily öffnete ihm die Tür. Sie hatte am Fenster nach ihm Ausschau gehalten und kam seinem Gruß mit den Worten

»Du bist verärgert wegen des Freispruchs von Oakley, aber das muss du nicht sein« zuvor.

»Du hast alles getan, was in deiner Macht stand.«

»Woher weißt du, wie es ausgegangen ist?«, fragte er überrascht.

»Oh.« Sie blickte ihn ein wenig verlegen an.

»Ich bin jemandem begegnet, auf dem Nachhauseweg vom Metzger. Jemand, der schon gehört hat, dass Mr. Oakley freigesprochen worden ist. Er hat es mir erzählt.«

»Nun ja, ich werde mir ganz sicher nicht meine Laune dadurch verderben lassen«, antwortete Wood seiner Tochter weit unbekümmerter, als er sich in Wirklichkeit fühlte.

»Also mach dir keine Gedanken wegen mir, mein Liebes. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man, so ist das nun mal im Leben. Was gibt es denn heute zum Abendessen?« Er schnüffelte.

»Gekochten Schweineschinken mit Lauch und Karotten«, bekam er zur Antwort.

»Gekochten Schweineschinken!«, rief er aus und strahlte Emily an.

»Mein Lieblingsessen!«